Im Gedenken an Yusef Lateef – Der Prophet

Podcast
Meine Jazzkiste
  • 62 Im Gedenken an Yusef Lateef - Der Prophet
    57:01
audio
57:00 Min.
Louis Armstrong - Ikone des Jazz
audio
57:00 Min.
Sultans of Jazz – Jazz aus der Türkei
audio
57:00 Min.
In Memoriam Paco de Lucia
audio
57:01 Min.
Soulful Christmas – Swingin‘ and Groovin‘ with Santa
audio
57:01 Min.
The Last Turkish Sultans – zu Ehren an Nesuhi & Ahmet Ertegün
audio
57:01 Min.
Grupo Los Santos – Afro-Cuban Jazz vom Feinsten aus New York City
audio
57:01 Min.
Barbara Donald – Trompeterin im Schatten ihrer männlichen Kollegen
audio
57:01 Min.
Ode to Joe – Zawinuls Anfänge als Kapellmeister
audio
57:01 Min.
Mode for Joe – Tribut an Joe Henderson
audio
57:01 Min.
No Coast – Jazz am Rande Amerikas zwischen den Küsten

62. Sendung (Erstausstrahlung: Februar 2014)

Im Gedenken an Yusef Lateef – Der Prophet

Am Montag, den 23. Dezember knapp vor dem Heiligen Abend starb einer der letzten großen Meister des Jazz und ein Wegbereiter des Genres „World Music“, William E. Huddleston alias Yusef Lateef, im Kreise seiner Familie zu Hause in Shutesbury im US-Bundesstaat Massachusetts. Er wurde immerhin 93 Jahre alt.

Man sagt des Öfteren in Jazzkreisen: „John Coltrane war der Vater, Pharoah Sanders der Sohn, Albert Ayler der Heilige Geist und Yusef Lateef natürlich der Prophet!“ Lateefs geistige und musikethnographische Suche nach einer spirituellen und zugleich universellen Sprache der Musik wurde zu seinem Lebensinhalt und Lebenswerk. Er nahm bereits in den 1950er Jahren ein wegweisendes Album mit dem bezeichnenden Titel „Eastern Sounds“ auf dem Label Prestige auf, das sowohl für ihn als Aufbruch zu neuen musikalischen Welten als auch für die Jazz Gemeinde von bleibender Bedeutung ist. Auf „Eastern Sounds“ lotete Lateef erstmals konsequent Harmonien, Klänge und Modi aus, die sich sowohl von der abendländischen Tradition als auch der Jazztradition lösten. Zunehmend distanzierte sich Lateef vom Begriff des Jazz und wandte sich der afrikanischen und orientalischen Musik zu. Für ihn galt die Tradition des amerikanischen Jazz als eine „Spelunken Musik“ und er weigerte sich zum Schluss seiner eindrucksvollen Karriere sogar mit den Stars seiner Generation wie Dizzy Gillespie, Cannonball Adderley, Charles Mingus und Donald Byrd in Jazzkellern und Clubs oder auf großen Festivals aufzutreten. Stattdessen nahm er Kontakt mit der klassischen Konzertmusikszene auf, welche die Integration von Komposition und Improvisation wie im Third Stream anstrebte. Mit dem Kölner Rundfundfunk Orchester nahm er sein Stück „Suite 16“ auf, das durch die Verwendung verschiedenster Stile eines der typischen Lateef-Stücke geworden ist.

Lateef beherrschte mehrere Instrumente: Neben dem Tenorsaxophon, Fagott, Oboe und die Querflöte, experimentierte er mit exotischen Windinstrumenten, darunter die nordische Shenai, die türkische Taragot und die arabische Arghul. Er studierte Musikpädagogik zunächst in seiner Heimatstadt Detroit an der schwarzen Wayne State University, später an der renommierten Manhattan School of Music Musikwissenschaft und machte dort seinen Abschluss mit einem Master of Musicology. Danach promovierte er an der University of Massachusetts in Amherst zum Doktor der Erziehungswissenschaft. Im Zuge dessen, konvertierte er zum Islam und schloss sich der schwarzen Muslims- und der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung an. Lateef stand da stellvertretend für eine ganze Generation selbstbewusster afro-amerikanischer Persönlichkeiten (Malcolm X, Amira Baraka, Muhammad Ali, etc.), die sich auf ihre gesellschaftliche und spirituelle Emanzipation konzentrierten, indem sie durch die Befreiung von Glauben und Kultur ihrer einstigen Sklavenherren den wesentlichen Schritt zur „Befreiung“ wagten. 1985 erschien die LP „In Nigeria“, aufgenommen mit afrikanischen Partnern in Lagos, wo Lateef vier Jahre gewohnt und unterrichtet hatte. Das war der nächste Schritt nach seiner spirituellen Befreiung vom weißen Amerika, zurück zu seinen Wurzeln in Afrika.

Anlässlich des Ablebens von Yusef Lateef am 23. Dezember 2013 wiederholen wir die Sendung zum 90. Geburtstag von Lateef vom April 2010:

Wiederholung Sendung 16 (April 2010)

The Gentle Giant – Yusef Lateef on IMPULSE!

William Emanuel Huddleston, ­ weit besser bekannt als Yusef Lateef, ­ feiert heuer seinen 90. Geburtstag und dieses Ereignis nehmen wir zum Anlass ihm zu gratulieren und ihn zu würdigen, denn Lateef zählt zu einem der einflußreichsten Vorreiter der sog. Weltmusik bzw. des Ethno-Jazz.  Der in Chattanooga im amerikanischen Bundesstaat Tennessee geborene Musiker stammt aus einer schwarzen Musikerfamilie, die im Zuge der Wirtschaftskrise nach Detroit zog, wo er als Schüler zur Highschool im Ghetto ging. Zu seinen Klassenkameraden bzw. Jugendfreunden gehörten so angesehene Jazzer wie Milt Jackson, Kenny Burrell, Tommy Flanagan, Barry Harris, Paul Chambers und Donald Byrd. Im Highschool Orchester spielte er zuerst Altsaxophon, wechselte 1937 dann zum Tenorsaxophon. Als er sich seinen Künstlernamen William Evans im Swing-Orchester von Lucky Millinder (1946/47) zulegte, konnte er noch nicht von der Existenz eines jungen aufstrebenen weißen Pianisten gleichen Namens wissen. Mit dem Übertritt zum Ahmadiyya Islam änderte er erneut seinen Namen auf Yusef Lateef. Seine Musikerkarriere setzte er in Harlem fort, zunächst mit Hot Lips Page, Roy Eldridge und schließlich 1949/50 im berühmten Bebop-Orchester von Dizzy Gillespie, wo er sich vor allem wegen seines “Mordston am Horn“ einen klingenden Namen machte. 1950 kehrte Lateef nach Detroit zurück, um Komposition bei Prof. Allen Kimbler, einem ehemaligen Stockhausen-Schüler, und Flöte bei Harold Jones an der dortigen Wayne State University zu studieren. Während dieser Zeit knüpfte er Kontakte zum distinguierten Hardbopper Donald Byrd, in dessen Quintett er seine ersten Aufnahmen machte. Lateef blieb bis 1960 in Detroit, wo er sein eigenes bemerkenswertes Quintett gründete, in dem u.a. Wilbur Harden, Bernard McKinney, Hugh Lawson, Terry Pollard, Frank Gant oder Oliver Jackson spielten. Daneben setzte er seine musikalische Ausbildung mit einem Studium der Oboe bei Ronald Odemark fort, der als Solist im Detroit Symphony Orchestra spielte. In diesem Zusammenhang experimentierte er mit sowohl frei improvisierter Musik als auch mit Zwölfton-Skalen. Schließlich kehrte Lateef Anfang der 1960er Jahre nach New York City zurück und setzte sein Musikstudium an der Manhattan School of Music in Flöte bzw. Musikpädagogik fort, welches er 1969 mit einem BA und danach MA abschloss. 1975 schloss er noch seine Dissertation über westliche und islamische Musikerziehung ab und wurde zum Doktor der Philosophie ernannt. Von 1972 bis 1976 lehrte er am Afro-American Music Studies Department des Manhattan Community Colleges und in den 1980er Jahren lehrte er einige Jahre in Lagos (Nigeria), danach an der University of Massachusetts und am Amherst College bis zu seiner Emeritierung. In seiner Laufbahn jammte Lateef mit so Giganten wie Charles Mingus, Miles Davis, Dizzy Gillespie und mit dem westafrikanischen Perkussionisten und Bandleader Babatunde Olatunji. Zwischen 1962 und 1964 tourte er im erfolgreichen Sextett der Gebrüder Cannonball und Nat Adderley öfters nach Europa und Japan; danach arbeitete er wieder mit eigenem Quartett. Ab 1964 widmete sich Lateef neben seiner eigenen Jazzcombo wieder seinen akademischen Kompositions-, Material- und Formstudien und ging auf ausgedehnte Forschungsreisen nach Nord- und West-Afrika. Übrigens, Lateef  war einer der ersten modernen Künstlern, die Elemente aus der schwarz-afrikanischen, muslimischen, und orientalischen Musik in den Jazz einbezogen haben, denn er experimentierte mit traditionellen, außereuropäischen Musikrichtungen aus Indien, dem mittleren Orient und Nordafrika. Obwohl er in späteren Jahren zur sphärischen Meditationsmusik der New Age Generation neigte, blieb sein Hauptaugenmerk immer auf den Jazz gerichtet, in stimulierenden Aufnahmen, auf denen Lateef neben dem Tenorsax auch andere Windinstrumente, wie Oboe, Klarinetten und Flöten, zum Teil exotischer Herkunft, und das im Jazz äußerst selten verwendete Fagott spielte. 1964 erschien Around the World auf IMPULSE, eine amüsante Kollektion internationaler Folklore zwischen Jazz, Folklore und Walzer in Quartett- bzw. Quintett-Aufnahmen. Bis 1967 nahm Yusef Lateef fünf bemerkenswerte Langspielplatten für das legendäre Label IMPULSE! für den Produzenten Bob Thiele auf, wobei er erneut seinen bluesig-erdigen Ton auf dem Tenorsax in den Vordergrund stellte. Lateef blieb als Individualist außerhalb jeder Norm und stilistischen Schule, obwohl er moderne Entwicklungen in der E-Musik (Satie, Schönberg, Stockhausen) reflektiert hat und teilweise den Third Stream angeregt hatte. Seine kontrollierte und gepflegte Tonbildung, warme Klangbildung und die flüssige Spielweise machen seine groovige Musik unverkennbar, für die er übrigens das so oft missbrauchte Wort “Jazz“ als zu trivial und engstirnig ablehnt. Unter den Meistern seines Faches und vielen bedeutenden Musikern seiner Generation genoss Lateef die aller größte Bewunderung und Anerkennung. Sein Zeitgenosse John Coltrane verwies auf Lateefs Pionierstellung im Bereich des modalen und exotischen Jazz, und Joe Zawinul bekannte einmal freimütig als sie gemeinsam im Quintett von Cannonball waren, dass Lateef auf seine Art stets so pur spielt, dass er für seine eigene Musik immer ein Vorbild war.

Musikbeispiele:

Babatunde Olatunji: Abana
Yusef Lateef: Bamboo Flute Blues, Kyoto Blues, Sister Mamie
Leonard Feather: Twelve Tone Blues
Yusef Lateef: Sound Wave,Gee! Sam Gee, Psychicemotus, Semiocto
Erik Satie: First Gymnopedie
Dave Fields/Jim McHugh: Exactly Like You
Yusef Lateef: Warm Hearted Blues
Hugh Lawson/Barry Harris: Head Hunters

Gestaltung & Am Mikrofon: Helmut Weihsmann
Tontechnik & Produktion: Gernot Friedbacher

Schreibe einen Kommentar